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15.11.2013

Nachts im Tunnel

Wenn die Tagesschicht vorbei ist, kommen die zerstörungsfreien Werkstoffprüfer im LHC zum Zug. Bild: Gunter Kniesche

Wenn es in Genf Nacht wird und Techniker, Ingenieure und Physiker ihre Arbeit im LHC-Tunnel beenden, um nach Hause zu gehen, übernimmt Gunter Kniesche mit seinen Kollegen das Regime. Kniesche ist Zerstörungsfreier Werkstoffprüfer. Man könnte ihn und seine Kollegen auch „mobile Röntgenexperten“ nennen, denn das tun sie nachts im Tunnel: Dinge röntgen, um zu sehen, ob die Qualität stimmt.

Im LHC-Tunnel herrschen erschwerte Bedingungen. Die 27 Kilometer LHC, bestehend aus tonnenschweren Magneten und Beschleunigungsstrecken lassen sich nicht mal eben an die Oberfläche transportieren, um sie dort zu untersuchen. Untersucht werden muss aber im Rahmen der langen Betriebspause LS1 vieles – unter anderem die vielen neu verlöteten und gesicherten Verbindungen zwischen den Magneten, Schweißnähte, Rohrleitung oder Kompensatoren in der Kühlmittelversorgung. Für den Wiederanlauf des LHC nach der Betriebspause muss jedes Teil perfekt funktionieren.

Ab 19 Uhr setzen sich die Werkstoffprüfer ihre Helme auf, schnallen sich die Behälter der Sicherheitsmasken um und fahren mit ihrer mobilen Röntgenquelle in den Untergrund. Da das radioaktive Selenium 75 in dieser Quelle sitzt, dürfen parallel keine anderen Arbeiten stattfinden und da während der Betriebspause enorm viele Arbeiten im Tunnel gemacht werden, ist die Nacht für die Werkstoffprüfer vorgesehen. Auf den klapprigen Tunnelfahrrädern müssen sie mit dem 10 Kilo schweren Transportbehälter bis zu drei Kilometer zu der Stelle radeln, an der ihre Dienste benötigt werden.

„Dieses Leben gefällt nicht jedem“, sagt der Dresdner Kniesche, der seit mehr als 10 Jahren für eine Schweizer Firma am CERN arbeitet, „aber ich finde es spannend.“ Insgesamt gibt es am CERN nur etwa sieben Experten für zerstörungsfreie Prüfung. „Es gibt für alle überall viel zu tun“, ergänzt Aline Piguiet, die die Aufträge für Kniesche und seine Kollegen koordiniert. Es gibt am CERN für mobile Bauteile, die untersucht werden sollen, auch einen Röntgenbunker. Während LS1 ist das mobile Röntgengerät aber ständig im Einsatz.

Etwa eine halbe Stunde dauert es, eine Magnetverbindung mit dem mobilen Röntgengerät zu inspizieren. Viel passiert heute digital: die Röntgenaufnahmen werden sofort gegen die Vorgabe abgeglichen. „Die Entscheidung, ob etwas geändert werden muss, treffen nicht wir, sondern die Experten vom CERN“, erklärt Kniesche. „Wir liefern die Daten für diese Entscheidungen.“ Alle Daten werden gespeichert, so dass auch später während des Betriebs zu jeder Verbindung Informationen vorliegen.

Ein wichtiger Kontrollpunkt sind die Kompensatoren der Kühlmittelversorgung. Schon während des LHC-Betriebs hatte man zwei kleine Heliumlecks an der Kühlmittelversorgung bemerkt, während der Aufwärmphase kamen fünf weitere dazu. Die Kühlexperten riefen die Röntgenexperten zu Hilfe, dem Problem auf den Grund zu gehen, und Röntgenaufnahmen gaben schnell die Ursache der Lecks preis: auf den Bildern waren schwer deformierte Kompensatoren zu sehen, eine Art Balg, der Größenunterschiede ausgleicht, wenn Bauteile sich aufgrund der Temperaturen von fast absolut Null stark zusammenziehen. Eine Schweißnaht hielt die Belastung nicht aus, der Kompensator fiel geradezu in sich zusammen. Jetzt werden alle Kompensatoren mobil geröntgt, um weitere fehlerhafte Kompensatoren oder zukünftige Problemstellen zu identifizieren.

Gegen vier Uhr morgens ist die Röntgenschicht vorbei und die Wartungsarbeiten fangen wieder an. Bis zum Ende der Betriebspause liegen noch die Untersuchungen von tausenden von Verbindungen und Bergen von anderen Bauteilen vor Kniesche und Kollegen.

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