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30.09.2010

Kontrolle behalten

So voll ist es hier sonst nicht. Der LHCb-Kontrollraum bei den Kollisionen am 30. März 2010.

Foto: CERN

Live dabei sein und den Detektor kontrollieren ist ein wichtiger Teil des Arbeitsalltags der Physiker, die an einem der LHC-Experimente forschen.

Zum Beispiel fährt Julian Wishahi alle zwei Monate zum LHCb-Experiment ans CERN, um Schichten zu übernehmen. Dann ist er meist vier Tage lang für jeweils achteinhalb Stunden im Kontrollraum. Als Data Manager ist der Doktorand der TU Dortmund dann dafür verantwortlich die gerade genommenen Daten zu überprüfen: Funktionieren alle Subdetektoren? Gibt es irgendwo Probleme? Und was ist dann zu tun? „Für Probleme, die schon mal aufgetreten sind, sind die Lösungen dokumentiert. Wir können dann einfach nachgucken und nach Anleitung das Problem beheben“, erklärt Wishahi. Und wenn das Problem noch nicht bekannt ist? „Dann entscheidet der Leiter der Schicht, ob das Problem so gravierend ist, dass man den Experten, der für diesen Teildetektor verantwortlich ist, anrufen muss“, so der Forscher. Und wenn die Lösung eines Problems es erfordert, dann wird der Experte auch mitten in der Nacht aus dem Bett geklingelt. Denn die Experimente laufen, ebenso wie der LHC, Tag und Nacht. Und dies ist für die Wissenschaftler auch wichtig, schließlich brauchen sie möglichst viele Daten für ihre Analysen. Möglichst viele Daten wünscht sich auch Wishahi für die Untersuchung, mit der er sich in seiner Doktorarbeit beschäftigt. „So ein inverses Femtobarn, das wir ja bis zum Ende dieses Runs erreichen wollen, wäre schon gut“, hofft Wishahi. (Was ein inverses Femtobarn ist erfahren Sie nächste Woche auf weltmaschine.de!) (oder so) „Damit können wir zwar noch nicht die ganz seltenen Zerfälle von b-Quarks untersuchen, aber es reicht für eine große Palette von Studien.“ Der LHCb-Detektor ist extra für die Physik mit b-Quarks ausgerichtet (Siehe http://www.weltmaschine.de/e5/e87611/e93991/index_ger.html). Mit ihm wollen die Wissenschaftler herausfinden, warum nach dem Urknall mehr Materie als Antimaterie übrig geblieben ist – also warum unser Universum überhaupt in seiner jetzigen Form existiert.

Julian Wishahi forscht am LHCb-Detektor und fähr regelmäßig zum CERN, um Schichten im Kontrollraum zu übernehmen.

Und auch auf Schicht kommt Wishahi gelegentlich zum Arbeiten an seiner Doktorarbeit: „Wenn wir gerade keine Daten nehmen, kann so eine Nachtschicht sonst auch recht lang werden. Da kann man dann schon nebenbei ein paar Daten analysieren“, grinst Wishahi.

Aber: Wie kommt man eigentlich zum Kontrollzentrum zu seiner Schicht? Schließlich liegt LHCb nicht direkt am CERN, sondern einige Kilometer entfernt im französischen Ferney-Voltaire und die Schichten beginnen auch spät abends und sehr früh am morgen. „ Zu jeder der drei Schichten gibt es die Möglichkeit sich zum Kontrollzentrum des Detektors mit einem Shuttle-Service des CERN fahren zu lassen – eine gute Möglichkeit für Leute ohne Auto“, sagt Wishahi.

Drei Schichten gibt es pro Tag. Mindestens zwei Physiker sind dann im Kontrollraum, um die Funktion des Detektors zu überwachen. Bis vor einiger Zeit waren es deutlich mehr: am Anfang des Betriebes, als die Experten die einzelnen Subdetektoren noch nicht so gut kannten und noch nicht auf die Automatisierung vertrauen konnten. Nun ist nur noch ein zusätzlicher Experte im Kontrollraum. Doch auch mit „nur“ zwei Leuten im Kontrollraum ist der Aufwand für die LHCb-Kollaboration nicht zu unterschätzen: drei Schichten á zwei Leute macht 180 Schichten, die im Monat besetzt werden müssen – und das von knapp 700 Wissenschaftlern, die weltweit an diesem Experiment beteiligt sind. Bei den beiden größten Experimenten am LHC, bei ATLAS und CMS, sind die Kontrollräume deutlich stärker besetzt – doch sind auch die Kollaborationen größer. Trotzdem, bei allen LHC-Experimenten ist klar: der Betrieb funktioniert nur, wenn jede der beteiligten Institutionen auch Wissenschaftler für Schichten bereitstellt.

So richtig kompliziert findet Wishahi seine Arbeit im Kontrollraum nicht: „Am Anfang macht man eine vierstündige Schulung und dann sitzt man bei ein paar Schichten daneben und schaut zu.“ Und gerade am Anfang sei auch ständig etwas Neues passiert: „Am Ende einer Schicht denkt man ‚Aha, so funktioniert das´ und dann kommt man zwei Monate später wieder und es ist doch alles wieder anders und es gibt ganz andere Probleme.“ Doch mit der Zeit werden auch diese Probleme weniger: „Die Zahl der Kinderkrankheiten sind extrem runter gegangen“, freut sich der Forscher. Und was wünscht sich W für die nächste Zeit? „Dass die LHC-Jungs weiter so gut voran kommen und uns weiterhin so zuverlässig mit Kollisionen versorgen.“ Da kann man nur eins tun: Daumendrücken!

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