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09.09.2011

Fünf Fragen an Ralf Bernhard

Ralf Bernhard arbeitet als Postdoc am Physikalischen Institut der Universität Freiburg. Während der Vorbereitungsphase für die Teilchenphysikkonferenz EPS HEP 2011 hat er gemeinsam mit dem schwedischen Postdoc Jonas Strandberg die Arbeit zur Veröffentlichung eines Beitrags der ATLAS-Kollaboration zur Higgs-Suche koordiniert.

Herr Bernhard, das Higgs ist eines von vielen Themen am LHC, haben Sie sich bewusst gerade für dieses Thema entschieden?
Nach meiner Promotion in Zürich suchte ich eine neue Herausforderung. Freiburg was schon damals aktiv in der Higgs-Suche am Tevatron und am LHC und brauchte Verstärkung. So bin ich in das Thema hineingerutscht und finde es natürlich faszinierend. Schließlich suchen wir nach dem fehlenden Teilchen des Standardmodells. Sollten wir es finden, bestätigen wie die Theorie der letzten Jahrzehnte, finden wir es nicht, muss eine neue Theorie die Antwort sein. Unzählige Wissenschaftler sind an der Suche nach dem Higgs-Teilchen beteiligt. Sie haben viel Fleiß und Mühe hineingesteckt und werden dies auch weiterhin tun müssen. Egal, ob wir das Teilchen finden oder nicht: Higgs ist für mich Grundlagenforschung schlechthin. Und wir stehen möglicherweise direkt an der Schwelle zur Antwort.

Sie haben gerade eine besonders anstrengende Zeit hinter sich: Die erste der großen Sommerkonferenzen musste vorbereitet werden, und im Vorfeld galt es, die Analyse zu koordinieren. Macht Ihnen Ihre Arbeit Spaß?
Gerade vor einer Konferenz gibt es wahnsinnig viel zu tun. Gefühlt habe ich rund um die Uhr gearbeitet und in Realität fast so viel. Besonders in der Vermittlerrolle, in der ich steckte, hatte ich natürlich viel um die Ohren. Aber man investiert gerne seine Zeit in eine Sache, wenn sie so spannend ist und dann macht es trotz der Anstrengung auch richtig Spaß. Natürlich gibt es Momente, wo man einen Fehler in seinem Analyse-Code nicht findet und stundenlang untersucht, warum das eigene Ergebnis denn nun so anders ist als das eines Kollegen. In solchen Momenten verliert man manchmal kurzfristig die Begeisterung an der eigenen Arbeit aus den Augen – aber da ist sie eigentlich immer.

Warum haben Sie sich gerade für Teilchenphysik entschieden?
An der Entscheidung für die Physik ist mein ehemaliger Chef Schuld. Ich habe zuerst eine Ausbildung zum Industrieelektroniker gemacht, und mein Chef war theoretischer Physiker. Er hat mein Interesse geweckt. Irgendwann war mir klar, dass ich Physik studieren wollte. Allerdings immer mit der Idee im Hinterkopf, in die Raumfahrt zu gehen.
Heute weiß ich natürlich, dass die Physik nicht unbedingt die Voraussetzung dafür ist, aber damals war das meine Motivation. Und ein Ingenieurs-Studium anzufangen, kam für mich nicht in Frage, da ich immer in die Tiefe gehen wollte. Ich will Dinge von Grund auf verstehen. In der Teilchenphysik bin ich dann durch meine Zeit als Sommerstudent am CERN gelandet. Seitdem hat es mich nicht mehr losgelassen. Aber auch die Raumfahrt finde ich nach wie vor spannend: vor ein paar Jahren habe ich mich bei der ESA als Astronaut beworben. Leider haben sie mich nicht genommen.

Welches Szenario finden Sie spannender: „Higgs finden“ oder „Higgs nicht finden“?
Ich sage den Studenten immer, wenn sie schnell fertig werden wollen, sollten sie das Higgs nicht finden. Denn sollten wir es finden, beginnt die eigentliche Arbeit erst. Wir müssen die Eigenschaften des Higgs-Teilchens genau untersuchen. Verhält es sich so, wie es die Theorie voraussagt? Stimmt jede der Vorhersagen genau? Oder gibt es Abweichungen? Ich hoffe, dass wir jetzt mit unserer Suche auf der richtigen Spur sind. Und im Grunde wäre es ja auch sehr erstaunlich, wenn wir nichts Neues finden würden. Wir haben den Energiebereich, den wir untersuchen, im Vergleich zu den vorherigen Beschleunigern vervielfacht und das Standardmodell gilt immer noch! Wir haben trotz der deutlich höheren Energie keine Abweichungen gefunden. Auf den ersten Blick ist das doch wirklich erstaunlich!

Und wie soll es weitergehen?
Die Suche nach dem Higgs geht weiter. Ich habe da jetzt so viel Zeit reingesteckt, dass ich es jetzt auch gerne entweder finden oder ausschließen möchte. Und danach ergibt sich sicher eine neue spannende Aufgabe für mich.

Vielen Dank für das Gespräch.

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